Haben Sie ein Telefon?

Kennen Sie das auch: schon 30-Jährige gehören zum alten Eisen. Kürzlich saß ich inmitten des Familienglücks meiner Freundin Heidi, welches mal locker vier Sprößlinge, den dazugehörigen Vater und jede Menge Viehzeugs ausmacht. Und wenn ich einmal auf dieser gemütlichen Eckbank mit einem heißen, nach Kräutern duftenden Tee sitze, vergesse ich Termine, Emails und den ganzen Alltagsstress.

Jedoch wurde die Nachmittagsidylle auf dem familienfreundlich umgebauten Bauernhof, der mich unweigerlich in eine andere Zeit versetzt, durch den schrillen Handyton in Form einer amerikanischen Polizeisirene unterbrochen. Die zweitälteste Tochter (23 Jahre) warf einen kurzen Blick auf ihr Handy, um dann über Tische und Bänke das Zimmer zu verlassen. Als die älteste Tochter (32 Jahre) verständnislos den Kopf schüttelte über das Verhalten ihrer Schwester, verteidigte der 20-jährige Sohn die abwesende Schwester: "Hättest Du früher ein Handy gehabt, dann wäre es Dir nicht anders gegangen!"

Wenig betroffen von dem kleinen Disput unter den Geschwistern, plauderten meine Freundin und ich fröhlich weiter. Beide selbst mitten im Leben, mit allen, meist angenehmen technischen Neuheiten bestückt, die der Handy- und PC-Markt hergibt. Und doch ging es mir nicht aus dem Kopf, das die 23-Jährige zu der 32-Jährigen sagte: "Na, bei Dir früher...!" Eine weise Entscheidung, sich in meinem Alter gar nicht einzumischen.

Aber wie es bei besten Freundinnen so ist, sie scheinen das Gedachte auch zu hören. Und so stieg meine Freundin verbal in meine Gedanken ein mit der Bemerkung: "Ist schon komisch, ich erinnere mich noch daran, dass man früher in Geschäften oder Behörden fragte, ob man ein Telefon hat." ...und heute wird Telefon, Handy und meistens auch Email vorausgesetzt.

Klar erinnere ich mich auch daran, dass wir die Einzigen waren, die in dem Sechsfamilienhaus ein Telefon hatten, über das die Nachbarn sich anrufen ließen. Später, als das erste schnurlose Telefon bei uns Einzug hielt, und ich lange Zeit trotzdem brav neben der Telefonstation stehen blieb, weil ich mich nicht daran gewöhnen konnte, dass ich mich mit den Hörer in der Hand frei bewegen konnte. Stimmt, lacht meine Freundin, wir haben das "Schnurlose" nach kurzer Zeit wieder abgeschafft. Denn wenn das Telefon klingelte, schaute ich nur noch auf die leere Station, und dann ging das Suchen nach dem Gegenstück in den vier Kinderzimmern los. Wenn ich es dann endlich hatte, war die Geduld des Anrufenden erschöpft, und ich hatte das Gefühl, etwas verpaßt zu haben.

Ach ja, und das erste Handy, ich nenne es heute immer mein "Brikett", weil es die Größe dieses Brennmittels hatte. Und ich weiß noch, dass ich mich total verarscht gefühlt hatte, als mir ein bereits glücklicher Handybesitzer sagte, dass man damit auch Nachrichten (SMS) schreiben kann. Aber man konnte, und sogar Antworten per SMS erhalten..., "aber nur fünf davon speichern", fiel lachend meine Freundin ein.

Bei aller Einigkeit, dass wir uns nicht in Gegenwart der Kinder über die ständige Verfügbarkeit per Handy aufregen sollten, ohne gleich zum ganz, ganz alten Eisen abgestempelt zu werden, merkten wir nicht, dass uns die äußerst und ständig innovative Kinderschar bereits ein gutes Weilchen zugehört haben muss. Denn sie schauten uns mit großen und unverständlichen Augen an, als hätte uns eine Zeitmaschine aus längst vergangenen Zeiten in ihr Leben versetzt.

In der Hoffnung, dass mein Handy, welches ich absolut niemals abschalte, sich nicht gerade jetzt meldet, sagten meine Freundin und ich wie aus einem Munde: "Tja, wir waren dabei!" Vom der Frage "Haben Sie Telefon" bis zur ständigen Verfügbarkeit übers Handy, wir haben es erlebt.

Angelika Kammer